14.01.11 Schlagabtausch: Ehemaliger S-Bahn Chef übt Kritik in Offenem Brief, die Deutsche Bahn dementiert

Von Stephan  | 

In einem offenen Brief an Berlins Verkehrssenatorin Frau Junge-Reyer und an die Abgeordneten im Senat kritisiert Ernst-Otto Constantin, früherer Geschäftsführer der S-Bahn Berlin (bis 2002), die Aussagen von Bahnchef Rüdiger Grube. Der hatte behauptet, die S-Bahn-Führung habe vorzeitig auf Gewährleistungsansprüche gegenüber Herstellern verzichtet und sei deshalb mitverantwortlich für die zahlreichen Ausfälle im Winter.

Hier der Brief im Wortlaut:

Offener Brief von Constantin - Seite 1
Offener Brief von Constantin - Seite 2
Offener Brief von Constantin - Seite 3

Ich finde es mutig und couragiert, dass Herr Constantin sich öffentlich äußert. Die Deutsche Bahn reagierte mit einer Pressemitteilung und weist die Behauptungen Constantins als “unhaltbar und nachweislich falsch” zurück. Hauptsächlich geht es um den Punkt, bei welchem Unternehmen Herr Homburg beschäftigt war und welche Verantwortung er trug.

(…) Tatsache ist vielmehr, dass Herr Thon seit dem 1. April 2005 einen Anstellungsvertrag bei DB Stadtverkehr hatte, wo die operative Verantwortung für die S-Bahnen in Hamburg und Berlin gebündelt war. DB Stadtverkehr stellte daher auch den Aufsichtsratsvorsitzenden der S-Bahn.

Herr Homburg hatte weder in seiner Funktion als Vorstandsvorsitzender von DB Regio noch als Aufsichtsrat der Berliner S-Bahn (bis 2003) eine operative Verantwortung für die Berliner S-Bahn inne. Auch die behauptete Federführung bei der Umsetzung des OSB-Programms ist nachweislich falsch. Wie alle derartigen Programme zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Konzernbereichen oder Tochterunternehmen wurden die Maßnahmen im DB-Konzern unter Mitwirkung des zuständigen Geschäftsfelds DB Stadtverkehr entwickelt und umgesetzt.
Des Weiteren ist die Behauptung Constantins, dass es eine prozessbegleitende Qualitätskontrolle bei der S-Bahn Berlin gegeben hätte, durch den Untersuchungsbericht der unabhängigen Ermittler der Berliner Rechtsanwaltskanzlei Gleiss Lutz vom Februar 2010 eindeutig widerlegt worden. (…)

Die akribisch durchgeführten Untersuchungen hatten zweifelsfrei ergeben, dass die zuständigen DB-Konzerngremien über das Ausmaß der von den Ermittlern aufgedeckten systematischen Organisationsmängel sowie der unzureichenden Qualitäts- und Sicherheitsorientierung bei der S-Bahn Berlin nicht von den S-Bahn-Geschäftsführungen informiert wurden. Pflichtverletzungen des S-Bahn-Aufsichtsrats waren demnach nicht festzustellen. Soweit Managementfehler ehemaliger Geschäftsführer festgestellt worden sind, sind Organhaftungsansprüche in der Prüfung.

(Pressemitteilung DB AG, Stand: 14.01.2011 9:53)

Der Senat oder die Verkehrssenatorin haben sich bisher nicht zu Constantins Stellungnahmen geäußert.

Letzte Änderung am 14.01.2011 um 22:51, Kategorien:  

Kommentare

  1. q.e.d. schrieb am 15.01.2011:

    Unhaltbar und nachweislich falsch, schreibt die Bahn. Und bringt doch nur laue Argumente.

    1. Ob Homburg nun einen Anstellungsvertrag bei Regio oder Stadtverkehr hatte – also bitte! Regio und Stadtverkehr sind miteinander verflochten wie die Wirtschaft mit der FDP.

    2. Keine operative Verantwortung für die Berliner S-Bahn inne zu haben schließt nicht aus, dass entsprechende Anweisungen erteilt wurden.

    3. Diese beiden Sätze stehen für sich: “Auch die behauptete Federführung bei der Umsetzung des OSB-Programms ist nachweislich falsch. Wie alle derartigen Programme zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit von Konzernbereichen oder Tochterunternehmen wurden die Maßnahmen im DB-Konzern unter Mitwirkung des zuständigen Geschäftsfelds DB Stadtverkehr entwickelt und umgesetzt.” – Was lernen wir daraus? Die Maßnahmen wurden im DB-Konzern entwickelt und umgesetzt! Aha, soso. Dass eine Eisenbahn auf Schienen fährt ist nachweislich falsch, weil, sie fährt ja auf Rädern! q.e.d.???!

    4. Prozessbegleitende Qualitätskontrolle eindeutig widerlegt? Aha, soso. Zuständige Ingenieure wurden wegrationalisiert, die Auditierung und Zertifizierung abgeschafft! Unabhängige Ermittler Gleiss Lutz? Aha, soso. Es gibt ein altes Sprichwort: “Wes’ Brot ich fress, dess’ Lied ich sing…!”

    5. “Die akribisch durchgeführten Untersuchungen hatten zweifelsfrei (sic!) ergeben, dass die zuständigen DB-Konzerngremien über das Ausmaß der von den Ermittlern aufgedeckten systematischen Organisationsmängel sowie der unzureichenden Qualitäts- und Sicherheitsorientierung bei der S-Bahn Berlin nicht von den S-Bahn-Geschäftsführungen informiert wurden.” – Na, dann mal los! Wer hätte denn wie, wann und durch wen informiert werden müssen? Mir fällt dabei nur das Bild von den drei Affen ein…

    Interessant bleibt wohl die Frage, warum wohl eine so unabhängige (!), teure und rennomierte Kanzlei nichts weiter findet, schon gar nicht gegen den sie beauftragenden Aufsichtsrat? Wer hat eigentlich zugelassen, dass die wichtigen Personale und damit das bestehende know how abgebaut wurden, wer hat eigentlich Eisenbahnfahrzeuge bestellt (und zugelassen), die heut niemals mehr zugelassen werden würden?

    Und vor allem: Welche Leichen haben die anderen Bahntöchter im Keller, denen das EBA lieber nicht so genau auf die Finger schaut????

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