30.09.09 Anpassung (oder: Dr. Uthoffts ökologische Nische)

Von Tina  |  Erfahrungen

  1. (Dr. Robert „Nichtraucher“ Uthofft: siehe Das fliegende Klassenzimmer 1973)

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, heißt es. Das stimmt, man gewöhnt sich mit der Zeit an Widrigkeiten, die man kurz vorher noch auf das Vehementeste verflucht hat. Gehört man zur Gattung der Berufspendler (in meinem Fall auf der Strecke Kassel-Frankfurt) stellt man aber auch mit Erstaunen fest, dass der Zeitraum für die evolutionäre Anpassung durchaus nicht generationsübergreifend sein muss.

Bei mir reichten ganze 19 Monate, um mich in der ökologischen Nische „Pendeln im DB Fernverkehr“ zu akklimatisieren (diplomierte Biologen mögen Nachsicht mit mir haben, ich hatte nur Bio-Grundkurs und das ist inzwischen auch schon mehr als eine Dekade her). Ja, ich habe mich angepasst:

  • Ich saß an Gründonnerstagen mit angewinkelten Beinen in überfüllten Zügen an der Tür. Ich wusste bis dato gar nicht, dass ich noch so gelenkig bin.
  • Ich habe im tiefsten Winter klaglos eine insgesamt knapp vierstündige Fahrt von FfM nach Kassel über Aschaffenburg dank eingefrorener Weichen über mich ergehen lassen
  • Ich saß von Juli bis August 2008 und Juni bis August 2009 abends ab 17.58 Uhr erst mit Ohropax in einem Ersatz-IC (Bahn-Euphemismus für den Interregio) und dann mit Ohrenschmerzen auf meinem Balkon (Stichwort Druckausgleich und schlechte Isolierung der IR-Waggons).
  • Ich habe die diversen „Weißen Foltermethoden für Pendler“ der DB AG mit Todesverachtung über mich ergehen lassen: Sei es die erfolgreiche Sitzplatzeroberung an einem Donnerstagabend im ICE 70 (5 Minuten
    später kam die Durchsage, dass aufgrund eines technischen Defekts der Zug hier in FfM ausgesetzt wird, man versuche einen Ersatzzug zu organisieren. Ob es gelang, mal sehen). Oder z.B. der Halt auf freier Strecke mit der Durchsage: „[…] Leider liegt in unserem Streckenabschnitt vor uns ein defekter Güterzug. Die Weiterfahrt wird sich auf unbestimmte Zeit verzögern […].“ Der Lokführer mit mir im Abteil, der sich auf dem Weg zu seinem Einsatz befand, teilte seinem abzulösenden Kollegen optimistische 10 Minuten Verspätung mit. (Kommentare zur tatsächlichen Verspätungszeit werden gerne entgegen genommen)
  • Die DB Variante der „Chinesischen Foltermethode“ lockt ebenfalls nur noch ein müdes Lächeln bei mir hervor: „Der ICE XYZ wird aufgrund von [Gründe bitte hier einsetzen *] circa 5 Minuten später eintreffen.“ Aus den 5 werden 10, dann 15 und zu guter Letzt (wenn man Glück hat) wird der ICE mit 20 Minuten Verspätung einfahren (und mit 30 dann den Bahnhof wieder verlassen).

Und wenn der ICE 373 am 17.09. mit einem Wagen weniger angekündigt wird, dann akzeptiere ich das (Ordnungsnummer 6 war mal wieder abhanden gekommen. Böse Zungen behaupten ja, dass der Ex-Chef diesen in seiner Schrebergartenanlage stehen hat, zwecks Nostalgie. Aber vielleicht ist er
auch nur einfach ein Fan von Kästners „Fliegendem Klassenzimmer“).

Selbst wenn zwei wichtige Faktoren auftreten, die das Chaos vorprogrammieren:

1. Es steigen in Kassel zwar sehr viele Pendler zu, aber leider nur sehr wenige aus.
2. Am 17.09. war offizieller Auftakt der IAA 2009 in Frankfurt.
3. Es kam, wie es kommen musste: der Zug war voll, und zwar richtig.

Nein, ich probte nicht den Aufstand zum kostenfreien Upgrade zur ersten Klasse. Auch machte ich mich nicht auf den Weg und sprach einen Zugbegleiter, der im Dienstabteil saß, auf die Tatsache an, dass ich EUR 409,- im Monat für die Streckenzeitkarte zahle und nun ab 07.20 Uhr bis 08.44 Uhr auf dem Boden gegenüber der Toilette sitzen durfte. Denn ich weiß: manchmal verliert man und manchmal gewinnen die Anderen.

Anmerkungen:
Ich habe es trotzdem versucht, aber ich scheiterte genauso wie die beiden Bundespolizisten, die – während der Zug sich dem Frankfurter Hbf näherte – die Abkürzung durch die 1. Klasse nehmen wollten: „Es ist den 2. Klasse Passagieren verboten, die 1. Klasse zu benutzen. Dies gilt auch für Sie.“ (Zitat der Zugbegleiterin, die für die Betreuung der 1. Klasse zuständig war und zerberusgleich über diese wachte).

 

  1. (*) Bauarbeiten an der Strecke, Beeinträchtigungen durch Vandalismus, Notarzteinsatz/Polizeiermittlung, betriebsbedingte Störungen, Verzögerungen im Betriebsablauf, Personen (oder wahlweise Tiere) im Gleis, Unwetterstörungen, Triebkopfschaden (von Pendlern sehr gefürchtet) usw…

Letzte Änderung am 30.09.2009 um 15:37, Kategorien:  

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