22.10.09 Ausgetrickst: Umstieg in Fulda

Von Tina  |  Ärgerlich

Ich gehöre nicht zu den Wagemutigen, die auf Teufel komm raus „Bonusminuten“ mittels der genannten Prozedur „Umsteigen in Fulda“ sammeln, aber wenn der „Sachsenexpress“ Verspätung hat, nutze ich die Gelegenheit schon mal.

So auch heute. Wir standen schon am Bahnhof auf Gleis 4, die Türen waren offen, als auf Gleis 3 meine Chance „Sparen Sie 15 Minuten“ einfuhr. Gerechnet hatte ich damit nicht, deswegen saß ich noch leicht dösend im Abteil und sah meine Welt nur verschwommen (ich trage harte Kontaktlinsen und nehme diese während der Zugfahrt heraus. Wenn ich mit Kontaktlinsen schlafen würde, könnte man danach vermuten, ich hätte Kaninchen als Vorfahren). Zeit, meine Linsen einzusetzen hatte ich nicht, auf eine Brille konnte ich nicht zurückgreifen, also stürmte ich blindlings aus dem Zug auf die andere Bahnsteigseite in der Hoffnung, dass dieser Zug auch wirklich nach Frankfurt fährt. Er hatte es laut Bahnsteigansage auch tatsächlich vor.

Mit einem beruhigten Gefühl betrat ich den ICE und kurz danach einen Waschraum mit dem Ziel, mein Sehvermögen wieder zu verbessern. Durch den Lüftungsschacht klangen die bekannten Geräusche des Bahnhofes: das Scheppern des Güterzuges, das Piepen der Türen, wenn der Zugbegleiter die Schließautomatik außer Kraft setzt, der kurze Gong, der mich immer an eine Türklingel erinnert, das Knacken der Lautsprecher im Zug, wenn jemand zum
Mikrofon greift:

„Meine Damen und Herren, aufgrund eines Triebkopfschadens wird sich unsere Weiterfahrt noch um einige Minuten verzögern. Ich werde Sie auf dem Laufenden halten.“

Es wundert mich bis heute, dass nicht unmittelbar danach jemand mit den Worten „Geht es Ihnen gut? Benötigen Sie Hilfe oder brauchen Sie einen Arzt?“ an die Toilettentüre klopfte, denn mein Aufstöhnen musste durch den gesamten ICE zu hören gewesen sein. Da stand ich nun: auf der rechten Zeigefingerspitze balancierte meine Haftschale für das rechte Auge, auf dem linken war ich immer noch blind und durch den Lüftungsschacht hörte ich die Ansage:

„An Gleis 4: Bitte einsteigen. Vorsicht an den Türen, der Zug fährt ab.“

Das war nicht mein Gleis! Das war das Abfahrtssignal für den ICE, den ich soeben verlassen hatte! Ich schaffte es noch, mich auf dem linken Auge wieder sehend zu machen, aus der Nasszelle zu stürmen und den ICE 373 bei seinem majestätischem Abgang aus dem Bahnhof Fulda zu bestaunen. Der Zugbegleiter neben mir meinte: „Es heißt, dass der Triebkopfcheck nur ein paar Minuten dauert. Hoffen und beten wir!“

Unsere Bitten wurden erhört (bei wem auch immer). Mit 10 Minuten Verspätung und somit fast zur regulären Zeit traf ich in Frankfurt ein. Umsteigen in Fulda? Auf absehbare Zeit werde ich dies nicht mehr machen. Dann doch eher Lotto spielen.

Letzte Änderung am 22.10.2009 um 10:34, Kategorien:  

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