08.10.09 Eine gute Tat am Tag (Teil 2)

Von Tina  |  Erfahrungen

Will man erfolgreich einen Sitzplatz ohne Reservierung erobern ist es wichtig, dass man als einer der ersten Passagiere den Zug betritt. Dafür ist es von Vorteil, wenn man am Bahnsteig genau an der Stelle steht, an der sich später die Zugtüre befindet. Als Orientierungshilfe dienen dabei die täglichen Pendler, die man leicht erkennen kann: die meisten reisen mit leichtem Gepäck, sprich Handtasche, Laptoptasche oder beides. Manche tragen auch noch Stoffbeutel (in der Hand
natürlich).

Ist man sich unsicher bezüglich der exakten Warteposition, sollte man Ausschau nach einem kleinen Menschenauflauf mit den genannten Attributen halten, die sich scheinbar ohne Grund wie die Zugvögel in bestimmten Bereichen des Bahnsteigs zusammenrotten. Dieses Phänomen kann man im Frankfurter Hauptbahnhof hervorragend montags bis freitags jeweils um 16.45 Uhr und 17.45 Uhr auf Gleis 9 beobachten, kurz bevor der ICE Richtung Mannheim einfährt. Verhaltens- und Chaosforscher hätten ihre helle Freude an diesem wiederkehrenden Schauspiel.

Inzwischen kenne auch ich die Haltepunkte relativ gut und so eroberte ich erfolgreich an diesem Freitagnachmittag als zweite den ICE 974 nach Kiel. Ich konnte meinen Lottogewinn kaum fassen: ein nicht reservierter Gangplatz in einem Ruhe-Abteil. Na gut, ich musste erst einmal mit den restlichen Abteil-Insassen diskutieren, bevor ich mich dort drapieren konnte.

„Guten Tag, ist dieser Platz noch frei?“ – „Eigentlich nicht, na ja vielleicht aber doch…“ – „Äh, ich verstehe Sie nicht ganz. Draußen an der Reservierungsanzeige ist nichts angeschlagen, sitzt hier denn jetzt jemand?“ – „Na ja, das kann ich nicht so genau sagen.“ – „??“ – „Die Plätze sind reserviert, wir kommen aus ganz Deutschland und es werden vielleicht noch zwei in Frankfurt zusteigen. Aber dass wissen wir noch nicht genau.“

Spätestens an dieser Stelle hätten mich meine Pendler-Sensoren vor den Insassen warnen sollen. Um diesen etwas surrealistischen Dialog zu beenden, schlug ich vor, dass ich aufstehen werde, falls die ominösen Mitfahrer noch auftauchen sollten. Sie betraten kurz nach der Abfahrt die Bühne, allerdings nur in der Einzahl. Die zweite Dame (es waren Pfadfinder) schien offenbar irgendwo in Frankfurt abhanden gekommen zu sein. Glück für mich, dachte ich, Pech für den Scout.

Die Scouts haben sich laut Wikipedia an ein Pfadfindergesetz zu halten. Ein Punkt darin lautet: Als Pfadfinder sage ich, was ich denke, und tue, was ich sage. Ich kann seit Freitag bestätigen, dass die erwähnten mitreisenden Pfadfinder sich definitiv Gesetzestreu verhalten. Ohne Punkt und Komma wurde geredet. Nun weiß ich, dass…

  • Thomas gegen Ende des Jahres aufhören wird, weil er Prioritäten setzen muss
  • man nicht begeistert ist, wenn Stefan nun Nachfolger wird
  • es als Reiseproviant belegte Brötchen mit zu dick geschnittenem Gouda gibt
  • man in diesem Supermarkt nur dick geschnittene Goudascheiben erhält, weil die
    Käsefachfrau nicht anders schneiden kann
  • es ansonsten noch Äpfel gibt
  • Carmen sich sehr gerne um irgendwas kümmern und man sich demnächst in Frankfurt treffen wird (ich kenne nun sogar ihre Adresse)
  • und dass die Buttons am Halstuch selbst gemacht sind.

Wir fuhren gerade an Gelnhausen vorbei. Es lagen noch ca. 70 Minuten vor mir.
Ich ergriff die Flucht. Kurz darauf durfte ich auf dem Gangboden zwischen den Abteilen und dem Großraumwagen sitzend einen knuffigen ca. anderthalbjährigen Knirps bei seiner Erkundungstour durch den Zug beobachten. Somit haben die Pfadfinder wieder eine gute Tat getan, denn hätten sie sich an die Regeln der
Ruhezone gehalten, ich hätte den frechen Dachs, der mit seinen Showeinlagen den halben Waggon zum Grinsen brachte, verpasst.

Merci dafür!

Letzte Änderung am 08.10.2009 um 10:13, Kategorien:  

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