23.09.09 Lost & Found

Von Tina  |  Kurioses

Das Schöne am ICE 776 ist, dass er sogar an den Rush Hour Tagen des Bahnverkehrs (Donnerstagund Freitagabends) in der Regel nur halb gefüllt ist. Für uns Pendler bedeutet dies: Ruhe und Entspannung im Abteil, da diese in den Wagen 1-3 selten mit mehr als 3 Reisenden belegt sind. Auch wird dieser ICE weniger von „Ich-fahre-einmal-im-Jahr-Zug-weiß-aber-alles-über-die-Bahn“ Reisenden frequentiert, sondern vielmehr von den Berufspendlern, die sich an den Bahnfahrer-Kodex halten. Es bleiben einem die ewigen Schimpftiraden auf die Bahn erspart und auch das nervige „Das darf doch nicht wahr sein“, wenn der Zugbegleiter die obligatorische 5-Minuten-Verspätung bei der Abfahrt aus dem Hauptbahnhof ankündigt, hört man sehr selten.

Der Bahnfahrer-Kodex beinhaltet auch die Rücksichtnahme auf müde Pendler, die einfach nur in Ruhe mit ihren Ohrstöpseln dösen oder ein Buch lesen wollen. Zum Telefonieren verlässt man das Abteil und die Krankengeschichte von Tante Else wird den Mitfahrern nicht in allen Einzelheiten erläutert. Man sitzt im Abteil versetzt, so dass jeder seine Beine ausstrecken kann: wenn sich dort schon zwei Reisende befinden (der eine am Fenster, der andere am Gang), so akzeptiert man sein Schicksal und wählt den unbeliebten Mittelplatz.

Des Weiteren ist der ICE 776 meistens äußerst pünktlich in der Abfahrt, so auch am besagten 25.08. Über die Mainbrücke machten wir uns auf den Weg in Richtung Heimat, die idyllischen Städte Offenbach und Hanau zogen an uns vorbei. Hinter Hanau allerdings erschallte auf einmal das Hassgeräusch der Pendler: „Uuu-iiiii-uuu“ tönte es aus den Bordlautsprechern. Befanden wir uns noch eben in dem Zustand der Entspannung und des Loslassens von Alltag, waren wir mit einem Mal wieder alle hellwach. Was wollte der Lokführer dem Zugbegleiter mitteilen? Dass ein technisches Problem am Triebkopf aufgetreten ist? Dass sich auf dem Streckenabschnitt vor uns eine Schafherde oder, noch schlimmer, Personen im Gleis befanden? Oder wollte er nur seine Kaffeebestellung aufgeben?

Jeder, der öfters fährt weiß, dass über kurz oder lang nach diesem Signal eine Durchsage erfolgt. Wir waren also gespannt. Und da kam sie auch schon:

„Meine Damen und Herren, unsere Weiterfahrt wird sich um wenige Minuten verzögern, da wir einen außerplanmäßigen Zwischenhalt einlegen müssen, um Anschlussreisende aufzunehmen.“

Nun wurde es spannend. Wir rätselten, welcher ICE auf der Strecke geblieben ist und reckten unsere Hälse, als wir am Langenselbolder Bahnhof zum Stehen kamen. Es vergingen mehrere Minuten, dann fuhr die Regionalbahn nach Fulda auf dem gegenüberliegenden Gleis ein. Die Türen der Bahn gingen auf, Pendler und Shoppinghungrige strömten aus dem Zug in Richtung… Park & Rail Parkplatz. Wir schauten uns verdutzt an: Auf den zum Teufel warteten wir hier mitten im Niemandsland? Zwei Minuten später ging ein Ruck durch den ICE und wir fuhren los. Ohne weiteren Zwischenfall erreichten wir mit 10 Minuten Verspätung Kassel-Wilhelmshöhe.

Von Natur aus neugierig wollte ich wissen, wen wir denn im Frankfurter Hauptbahnhof am Gleis vergessen haben und wandte mich am nächsten Tag per Mail an den Kundendialog der DB AG. Hier ist die Antwort (erhalten am 29.08.09):

Sehr geehrte Frau XXX,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Nach den uns vorliegenden Informationen hat der ICE 776 in Langenselbold außerplanmäßig gehalten, um auf einen Zugbegleiter zu warten.
Wir hoffen, dass Ihnen diese Informationen helfen. Wenn Sie weitere Fragen oder Anregungen haben, rufen Sie uns bitte an. Sie erreichen uns unter der Service-Nummer 0180 5 99 66 33 (14 ct/Min. aus dem Festnetz, Tarife bei Mobilfunk ggf. abweichend) täglich rund um die Uhr.
Wir freuen uns, Sie wieder als Gast begrüßen zu dürfen.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
XXX
Leiterin Kundendialog

Letzte Änderung am 23.09.2009 um 15:22, Kategorien:  

Kommentare

  1. TaTonka schrieb am 23.09.2009:

    Herrlicher Text.
    Ich bin selbst Wochenendpendler, und wenn ich sowas über den Pendler-Kodex lese, muss ich einfach nur zustimmen. Zwischen Pendlern herrscht eine gewisse Nonverbale Kommunikation, die mir gefällt. Leider komme ich nicht häufig in den Genuss, ICE zu fahren, sondern fahre mit den Doppelstock-Massenviehwaggons der REs. Die Freitags grundsätzlich brechend voll sind.

    Und die Pointe am Ende…herrlich. Ich musste lachen.

  2. Tina schrieb am 24.09.2009:

    Merci vielmals für die Blumen.
    Von den Doppelstöcker bin ich einigermaßen verschont geblieben, obwohl, jetzt wo du es sagst, es gab mal zwei Situationen, in denen ich dieses Biotop kennenlernen durfte. Ich muß mir mal direkt eine kleine Gedächnisstütze notieren (Familie Flodder; ICE ohne Strom).
    Grüße, Tina

  3. Kathie schrieb am 23.10.2009:

    Hehe, bei mir wurde letzte Woche am Bahnhof in Mannheim der Lockführer ausgerufen. Er solle sich doch bitte schnellstmöglich am Gleis XY einfinden. Der war wohl mit der zufälligen Pünklichkeit überfordert. ;-)

  4. Friedhelm Weidelich schrieb am 25.10.2009:

    Eine schön erzählte Geschichte! Sie erinnert mich an ein Erlebnis in den 80ern, als der Airport-Express der Lufthansa noch von Frankfurt nach Düsseldorf fuhr. Damals war ich in einem Regionalzug von Köln nach Düsseldorf unterwegs, der am Abend wegen der Messebesucher überfüllt war. Irgendwann, vermutlich in Leverkusen, ging es nicht mehr weiter. Einige Minuten später hielt der Airport-Express, ein Mann stieg aus: „Der Zugführer kommt“, sangen die vom Nach-Messe-Sekt beschwingten Fahrgäste und tatsächlich: Er hatte die Tür an den überfülten Silberlingen nicht mehr aufbekommen, um nach dem Abfahrtspfiff einzusteigen. Der Zug fuhr ohne ihn ab und mußte im nächsten Ort auf den Zugführer warten.
    Ich erzählte dieses Erlebnis sofort den Redakteuren einer Kölner Zeitung, die mir nicht glaubten und so um eine wunderbare Geschichte gekommen sind.

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