26.10.09 Sammeln Sie Zeit?
Wenn man als Pendler unterwegs ist, wird Zeit zu einem kostbaren Gut. Ich benötige für meine Arbeitstrecke ca. 2 Stunden von Haustür zur Haustür.
In der Regel geht’s morgens um 07:15 Uhr ab Kassel mit dem ICE 737 mit Halt in den „Unterwegsbahnhöfen“ Fulda und Hanau in Richtung Arbeitsplatz. Die Fahrzeit bis Frankfurt beträgt 1:30 Stunden. Würde der Zug nonstop fahren, wäre man in 1:21 Stunden in der Mainmetropole.
„Na und?“ werden Sie jetzt sagen, „die 10 Minuten, was macht das schon?“. Sie sind wahrscheinlich kein DB Bahn-Pendler, denn als Angehöriger dieser Spezies mutiert man über kurz oder lang zum Zeitfetischisten. Während Besitzer einer Payback Karte zum Punktejäger werden, gilt unsere Leidenschaft dem „Minuten sammeln“. Wie ein Eichhörnchen kurz vor dem Winter lesen wir die Zeit auf der Strecke auf und bunkern diese. Uns bleibt nichts anderes übrig: denn in Wahrheit
schreibt uns nicht der Arbeitgeber, sondern die DB AG vor, wann wir im Büro zu erscheinen haben (es sei denn, der Arbeitgeber ist die DB AG, aber das trifft nicht auf mich zu).
Wenn mal wieder eine betriebliche Störung auf dem Weg zum Job auftaucht, die eine Verspätung von 20 Minuten zur Folge hat, muss diese Zeit nachgearbeitet werden. Und genau aus diesem Grund versuchen wir in Anlehnung an die Empfehlung der „Grauen Herren“ Zeit zu sparen.
Es gibt einen Pendlertric (hier für die Strecke Kassel-Frankfurt), mit dem man die Fahrtzeit verkürzen kann. In meinen Fall erhalte ich dadurch fast 15 „Bonus“-Minuten. Dieser Trick hat leider einen kleinen Haken: er funktioniert nicht immer. Hier die Theorie zur Prozedur „Umsteigen in Fulda“:
- Der ICE 737 erreicht laut Fahrplan Fulda um 7:44 Uhr (Gleis 4)
- Um 7:44 Uhr fährt der „Sachsenexpress“ ICE 1656 ab (Gleis 3 selber Bahnsteig gegenüber)
- ICE 1656 fährt ab Fulda nonstop bis Frankfurt und triff dort um 08.41 Uhr ein.
- Und das wichtigste Argument schlechthin: er wird vor dem ICE 373 auf die Strecke geschickt.
Zeigt die Uhr nun kurz vor der Einfahrt in Fulda 7:43 Uhr, so recken auf einmal zig Pendler die Hälse und kleben mit der Nase an der Scheibe. Dabei handelt es sich allerdings nicht um die Durchführung einer orthopädischen Übung, sondern um den Versuch herauszufinden, ob der Sachsenexpress bereits eingefahren oder mit Verspätung gemeldet ist. Steht der ICE bereits am Gleis 4, so steigen nur noch die ganz hart Gesottenen aus und sprinten unter Einsatz ihres Lebens in Richtung ICE 1656.
Anfeindungen anderer Reisende, Olympia verdächtige Hürdensprünge über Gepäck und Kinder, blaue Flecken und Verluste diverser Utensilien (vorzugsweise Hausschlüssel), die sich aus offenen Taschen in die Freiheit der Bahngleise begeben werden dabei klaglos in Kauf genommen. Ab und zu kommt es auch zu spontanen Umarmungen zwischen Pendler und Zugbegleitpersonal, wenn man
trotz oben gehaltener Kelle und Abfahrtspfiff noch mitgenommen wird. So manch eine Ehe fand hier ihren Anfang (oder ihr Ende).
Hat der „Sachsenexpress“ jedoch Verspätung, kann man gemütlich umsteigen.
Soweit die Theorie. Und in der nächsten Stunde kommen wir dann zur Praxis…


Mich stört vor allem, dass die kleinen züge immer verspätunng haben und nie ein IC oder ICE wartet. Nur dafür bekommt man keine Erstattung.