28.02.10 Spitzenleistung: Sechs Stunden Verspätung bei einer fünfstündigen Bahnfahrt
Von Bahn-Kunde Volker Meißner
Vier freie Tage über Karneval, da bietet sich ein Kurzurlaub an. Als Ziel hatten wir Falkau im Hochschwarzwald ausgesucht. Von dort kann man zum Titisee, zum Schluchsee oder zum Feldberg wandern, Langlaufloipen gibt es vor der Haustür und genug Lifte für Skifahrer sind ebenfalls schnell zu erreichen. Dank der noch vorhandenen Lidl-Tickets war die Wahl des Verkehrsmittels schnell entschieden: für 132 Euro mit zwei Personen von Essen aus hin und zurück ohne Stress auf der Autobahn, ohne mögliche Staus und verschneiten Straßen: das ist in der Theorie nicht nur finanziell attraktiv. Laut Fahrplan dauert das mit ICE und Regionalbahn auch nur 5 Stunden und 2 Minuten. Das ist mit dem Auto kaum zu schaffen.
Die erste Überraschung erwartet uns am Essener Hauptbahnhof. Der ICE nach Mannheim, so die Durchsage auf dem Bahnsteig, planmäßige Abfahrt 6.59 Uhr, verkehrt heute leider nur mit den Wagen 21 bis 28. Wir haben Plätze in Wagen 31 reserviert. Nachfrage am Service-Point: „Ja, Sie haben richtig gehört.“ „Und nun?“ „Wenden Sie sich bitte an den Zugchef; er wird ihnen weiterhelfen.“
Der Zug fährt nicht nur pünktlich, sondern auch komplett als doppelter ICE ein, Wagen 31 hält wie am Wagenstandsanzeiger angegeben direkt vor uns, und wir nehmen unsere Plätze ein. Was soll eigentlich dieses Gemecker: Die Bahn ist doch besser als ihre eigenen Durchsagen. Um 12.01 Uhr werden wir im Hochschwarzwald aus dem Zug steigen und am Nachmittag schon durch den Schnee wandern.
Nach Halt in Duisburg, Düsseldorf und Köln geht es auf die Sprinter-Strecke nach Frankfurt-Flughafen. Doch hier wird der Zug auf einmal deutlich langsamer, als man es gewöhnt ist. Ein freundlicher Zugchef verkündet, wegen Eisbildung könne man nicht mit der vorgesehene Geschwindigkeit fahren. Was soll’s, wir haben in Mannheim zehn Minuten zum Umsteigen und ICEs warten auch einige Minuten aufeinander. Inzwischen fahren wir nur noch Schritttempo, um dann in einem Tunnel stehen zu bleiben. Der Zug, so hören wir, musste angeblich wegen Eiszapfen im Tunnel halten. Alle Wetter, wo kommen diese gefährlichen Dinger denn so plötzlich her? Wird ja wohl gleich weitergehen. Von wegen! Die freundliche Stimme des Zugchefs teilt uns jetzt mit, dass wir leider an einer Stelle zum Halten gekommen sind, an der der ICE wegen der starken Steigung nicht wieder anfahren kann. Wie bitte? Na das ist ja ein toller Zug! Der Zugchef verspricht auf jeden Fall, sich wieder bei uns zu melden, sobald er weitere Informationen hat.
Fürsorglich hat er auch schon am Flughafen Frankfurt Bescheid sagen lassen, dass die zahlreichen Lufthansa-Passagiere, die gleich unter anderem nach China und in die USA fliegen wollen, im Moment ein Problem haben. Aber unsere Verspätung beträgt noch nicht mehr als 40 Minuten, das ist ja alles noch zu schaffen. Einige Zeit später wird uns mitgeteilt, dass nun eine Lok von Limburg aus geschickt werden soll, um uns beim Anfahren zu helfen und aus dem Tunnel zu ziehen. Wann diese Lok eintreffen wird, kann uns der Zugchef leider noch nicht sagen. So vergeht eine halbe Stunde und noch eine halbe Stunde.
Inzwischen dürfen wir uns im Bordbistro kostenlos alkoholfreie Getränke und am Info-Point im Zug das Formular zur Erstattung eines Teils des Ticketpreises wegen Verspätung abholen. Getränke – so viel Ordnung muss sein – gibt es allerdings nur gegen Vorlage des gültigen Fahrscheins. Und die Erwartung, dass sich die Zugbegleiter mit den Verspätungsformularen zu den Kunden bewegen, muss auch als weltfremd bezeichnet werden. Macht auch viel mehr Spaß, eine kleine Karawane samt Gegenverkehr durch einen überfüllten Zug laufen zu lassen.
Die Hilfslok ist scheinbar immer noch nicht angekommen, denn wir stehen ohne jede Bewegung im Tunnel. Doch jetzt lässt uns der Zugchef wissen, dass der Lokführer unseres ICE auf dem Weg in den rückwärtigen Triebkopf ist, um aus eigener Kraft zurück nach Siegburg zu fahren. Entweder war die Strecke vom vorderen zum hinteren Triebkopf sehr lang oder der Zugführer hatte noch eine vorschriftsmäßige Pause einzulegen oder, oder, oder… das alles ist plötzlich egal, denn nach ca. zweieinhalb Stunden Stillstand im Tunnel fahren wir auf einmal wieder, rückwärts zwar und recht langsam, aber immerhin.
Der Zugchef sagt durch, dass wir leider nur mit 20 km/h Richtung Siegburg zurücksetzen können – warum habe ich vergessen – und dass dies bei einer Entfernung von 20 Kilometern demnach etwa eine Stunde dauern wird.
Das ist jetzt eine echte Attraktion: die Strecke, die man sonst kaum genießen kann, weil man bei Tempo 250 keine Details der Landschaft sieht, bekommt nun einen fast meditativen Charakter und erschließt sich dem Auge des Betrachters ganz neu. Um ca. 11.50 Uhr sind wir dann wieder in Siegburg. Wie es jetzt weiter gehen soll, weiß unser Zugchef nicht so recht. Man könne aussteigen und andere Züge nehmen, wobei auch ausdrücklich die Möglichkeit erwähnt wird, nach Köln zurück zu fahren, wo wir ja bereits vor knapp vier Stunden waren. Man könne auch im Zug bleiben, der wohl über die Rheinstrecke nach Frankfurt Hauptbahnhof fahren soll.
Während wir noch unentschieden sind, verbreitet sich das Gerücht, dass um 12.11 Uhr von Gleis 6 in Siegburg ein ICE Richtung Süden abfährt. Nun setzt sich die komplette Besatzung unseres liegen gebliebenen ICEs in Bewegung und stürmt den Bahnsteig an Gleis 6. Dort wechseln sich die Durchsagen im 5-Minuten-Takt ab: „Der ICE nach München über …, planmäßige Abfahrt um 12.11 Uhr, verkehrt heute in umgekehrter Wagenfolge…, wird voraussichtlich 15 Minuten später…, etwa 30 Minuten später eintreffen wegen Störungen im Betriebsablauf.“
Gegen 12.50 Uhr kommt er dann endlich, nicht nur verspätet sondern auch so überfüllt, dass die Vorstellung, auch nur die Hälfte der Wartenden würde nun endlich Richtung Süden weiter fahren können, illusorisch ist. Viele versuchen dennoch, sich an irgendeiner Türe in den Zug zu quetschen, die ersten werden nun aggressiv. Auf dem Bahnsteig waren übrigens die ganze Zeit über keine Mitarbeiter der DB zu sehen und auch jetzt, als der Zug nicht weiterfahren kann, weil die Türen durch verzweifelte Reisende blockiert werden, ist das Zugpersonal des ICEs auf sich gestellt. Es kommt also was kommen muss: die Bundespolizei wird alarmiert und räumt den Zug so weit wieder frei, dass er nach 20 oder 25 Minuten doch abfahren kann.
Inzwischen muss es fast 13.30 Uhr geworden sein (zur Erinnerung: planmäßig hätten wir um 12.01 Uhr an unserem Zielbahnhof Altglashütten-Falkau sein sollen) als völlig unerwartet ein weiterer ICE einfährt, der erstaunlicherweise fast leer ist und uns nicht nur bis Mannheim, sondern sogar bis nach Karlsruhe bringt. Dort haben wir den Anschluss-ICE nach Freiburg leider um einige Minuten verpasst und dürfen nun etwa 40 Minuten warten, bis es weiter geht. Überraschenderweise trifft unser Zug von Karlsruhe kommend schließlich planmäßig in Freiburg ein, so dass wir tatsächlich die Regionalbahn durch das Höllental nach Altglashütten erwischen und nicht noch einmal eine Stunde auf die nächste warten müssen. So quält sich die Bahn unter Ächzen und Stöhnen hoch in den Schwarzwald. Draußen dämmert es langsam und gegen 18.10 Uhr erreichen wir unseren Zielbahnhof mit einer Verspätung von sechs Stunden und neun Minuten.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Bahn, zu dieser Meisterleistung. Krisenmanagement: Ungenügend. Informationspolitik: Ungenügend. Service: naja, immerhin kostenlose Getränke, sagen wir also mangelhaft minus.


Übler Horrortrip mit der DB. Das Erlebnis überrascht mich nicht und auch wenn die Geschichte an manchen Punkten extrem ist, kann ich mir bei der Bahn alles so vorstellen. Man fragt sich immer nur, ob man als Verantwortlicher oder Planer verpflichtet ist, seinen Job besoffen auszuüben. Anders kann ich mir vieles nicht erklären.
Unglaublich, auch wenn es beim Lesen schon fast eine gewisse Komik hat, eigentlich ist eine derartige Unfähigkeit nicht zum Lachen. Dass ein ICE es nicht schafft, eine leichte Steigung zu bewältigen, hat mir die letzte zweistündige Verspätung eingebracht, als der Zug kläglich an der Geislinger Steige scheiterte. Wie ein so riesige Unternehmen in vielen Punkten dennoch so völlig stümperhaft handeln kann ist wirklich immer wieder erstaunlich.